Wisdom Councils, Dynamic Facilitation      und direkte Demokratie


Wisdom Councils und Dynamic Facilitation stellen ein Kommunikations- und Beratungswesen dar. Ursprünglich wurden sie für Unternehmen geschaffen und entwickelt, um es Firmen mit einer großen Mitarbeiterzahl zu ermöglichen, ihre Belegschaft zu konsultieren. Inzwischen werden Wisdom Councils und Dynamic Facilitation in zunehmendem Maße als Innovation im sozialen Bereich eingesetzt, um die Demokratie zu beleben, die Kluft zwischen Politik und Bürgern zu überwinden und desillusionierte Menschen von neuem zu begeistern.

Der Informationsfluss in einer großen Organisation, sei sie nun wirtschaftlich oder politisch, erfolgt im Wesentlichen in einer Richtung - die Information fließt von der Spitze aus abwärts. Die Möglichkeiten eines Informationsflusses aufwärts sind begrenzt: in der Arbeitswelt in Form eines einsamen kleinen Kummerkastens und in der Demokratie bei der seltenen Gelegenheit, wenn ein Bürger auf seinen Vertreter trifft oder - was noch seltener vorkommt - wenn die regierende Instanz die Bevölkerung in Form einer Volksabstimmung nach ihrer Meinung fragt.

Dieser einseitige Informationsfluss hat zahlreiche und meist negative Folgen. Die Entscheider sind abgeschnitten von denjenigen, die von den Entscheidungen betroffen sind; die Öffentlichkeit fühlt sich mehr diktiert als repräsentiert; die Umsetzung von Beschlüssen ist durch die fehlende Mitwirkung der Betroffenen erschwert; schwierige Entscheidungen werden hinausgezögert aus Angst vor heftigen Gegenreaktionen, um nur ein paar der Konsequenzen dieses einseitigen Informationsflusses zu nennen.

Wisdom Councils und Dynamic Facilitation füllen diese Lücke mit einer Eleganz und Energie, die die Erwartungen einer bloßen Verbesserung der Kommunikation bei weitem überschreitet.


Was sind Wisdom Councils und Dynamic Facilitation? Ein Wisdom Council (Bürgerrat) ist eine kleine Anzahl von Menschen, die damit betraut ist, ein Thema stellvertretend für das ganze Volk zu behandeln. Dynamic Facilitation ist ein Prozess zur Unterstützung der Wisdom Councils. Vereinfacht gesagt ist das Wisdom Council das Was und die Dynamic Facilitation das Wie.

Das Wisdom Council kann aus besonderem Anlass oder regelmäßig einberufen werden, wobei es dann den Gegenstand der Zusammenkunft selbst wählt. Die Mitglieder, üblicherweise 8-24 Personen, werden zufällig aus der Bevölkerung gewählt. Obwohl diese Anzahl statistisch betrachtet zu gering ist, um die Bevölkerung zu repräsentieren, hat die Erfahrung gezeigt, dass die Beschlüsse dieser kleinen Gruppe großen Anklang in der Gesamtbevölkerung finden.

Das Wisdom Council tagt zwei oder drei Tage lang, kommt zu einem Ergebnis, präsentiert dieses den interessierten Parteien und dem Volk und wird wieder entlassen. Das nächste Wisdom Council besteht aus anderen Teilnehmern und behandelt andere Themen. Die Einzigartigkeit dieses Konzepts besteht vor allem in der Aufgabe, das Thema zu behandeln und eine Lösung im Konsens zu präsentieren.

Der Prozess der Dynamic Facilitation ist maßgebend für den Erfolg des Wisdom Councils. Dynamic Facilitation wurde von Unternehmensberater und Social Innovator Jim Rough entwickelt und bezeichnet den Prozess, der das Choice-Creating, wie Jim es bezeichnet, zur Folge hat. Choice-Creating stellt den Durchbruch dar, wenn Themen aus einer anderen Perspektive gesehen werden und kreative Lösungen aus einer Gruppe aufsteigen. Bezeichnend für den Dynamic Facilitation Prozess ist das aktive Wahrnehmen und genaue Erfassen der Gefühle, Anliegen und Ideen der Teilnehmer. Dies geschieht in einer Gesprächsrunde, die den Raum schafft, sich offen, frei und kreativ auszutauschen.

Dieser Prozess befreit die einzelnen Mitglieder und verbindet sie zu einer Gruppe. Gruppenintelligenz, ein freier Gedankenfluss und die einmalige Atmosphäre, die durch die Dynamic Facilitation geschaffen werden, führen letztendlich zu einem kreativen Durchbruch, der der Gruppe erlaubt, sich einstimmig auf eine Vorgehensweise zu einigen.


Wise Democracy und Direkte Demokratie gehen Hand in Hand oder "Hand in Handschuh". Wie auch immer Sie es sehen wollen -  sie sind wie für einander gemacht. Keiner hat Vorrang vor dem anderen, sie verkörpern beide ihre Rolle für sich alleine und in gegenseitiger Unterstützung.

Direkte Demokratie braucht eine gewisse Kultur; eine Geschichte von sozialer Interaktion und Auseinandersetzung: die Offenheit  und die Geduld zuzuhören und den Mut und die Manieren des Austauschs. Diese Kultur wurde bisher in Deutschland nicht gebraucht und ist nicht gegenwärtig. Es kann und wird gelernt werden. Wise Democracy kann eine sehr große Rolle spielen beim Lernen und Entwickeln dieser Gesprächskultur und kann in der Zwischenzeit die Lücke füllen. Angelegenheiten, die einem Volksentscheid unterliegen, könnten zuerst von einem Wisdom Council behandelt werden. Die Präsentation der Ergebnisse über die Massenmedien (Fernsehen wäre hierfür ideal) dient dazu, die Konversation zu eröffnen und voranzutreiben.

Einen kritischen Aspekt von Volksentscheiden stellt der Wortlaut dar. Ich erinnere an die kürzliche Fernsehübertragung von "Dein Urteil": 86% der Deutschen entschieden für den Freispruch des Piloten. Würden 86% auch folgender Fragestellung zustimmen: "Sollten Politiker das Entscheidungsrecht über Leben und Tod haben?" Ein Wisdom Council kann einem Referendum vorangehend über Themen beraten und Ziele und Wortlaut klar definieren.

Es könnte sein, dass Vorschläge und Empfehlungen des Wisdom Councils  eine so hohe öffentliche Zustimmung erreichen, dass in manchen Fällen kein Referendum mehr nötig ist, um einen politischen Willen zur Umsetzung zu schaffen.

Vorwürfe, die Direkter Demokratie unterstellen, dass Menschen nur in eigenem Interesse handeln, sind unbegrunded - sowohl in der Direkten Demokratie und mehr noch in den Wisdom Councils, wo die Teilnehmer selbst oft überrascht sind über das Fehlen von egoistischen Motiven und auch über dass eingene aufrichtige Interesse daran, die beste Lösung für das große Ganze zu finden.

Ein anderer Vorwurf an die Direkte Demokratie und in der Tat die Demokratie im Allgemeinen lautet, dass die Interessen von Minderheiten für das große Ganze geopfert werden. Es ist einzigartig, dass Wisdom Councils nicht auf der Basis operieren, was für die Mehrheit das Beste ist, sondern für die Gesamtheit. Es ist tatsächlich dieses Streben nach Lösungen für das Gesamte, das die Wisdom Councils aus dem Sumpf des Entscheidens heraushebt auf die Ebene des Choice-Creatings.

Die Möglichkeiten für interessierte und motivierte Bürger, sich in unserem Regierungssystem Gehör zu verschaffen sind leider begrenzt. Schon die notwendigen Voraussetzungen, um ein Referendum zu erzwingen, sind schwer erfüllbar. Wisdom Councils sind weder zeitraubend noch teuer und schaffen somit einen hervorragenden Mechanismus, der es kleineren Gruppen erlaubt, ihre Stimme einzusetzen und auch gehört zu werden. In Vorarlberg können 1000 Unterschriften ein Wisdom Council ins Leben rufen.

Volksabstimmungen können zu bitteren politischen/sozialen Kampagnen führen, die nur dazu dienen, Konflikte und Trennung zu verursachen (bedenken Sie Brexit). Erfahrungen mit Wisdom Councils zeigen bis dato das Gegenteil. Menschen nähern sich einander an. Die Resultate der kurzen, aber intensiven Arbeit des Wisdom Councils finden Anklang in der breiten Masse. Die Präsentation von Ergebnissen durch jedes einzelne Mitglied gibt dem ganzen Prozess eine persönliche, emotionale und empathische Note, die vereint. Wisdom Councils können dazu beitragen, die spaltende Komponente aus dem Referendum zu nehmen.

Der Mangel an reibungslosem und aufrichtigem Informationsfluss  führt unter Umständen dazu, dass die Reichsten, die "Mächtigsten" oder in manchen Fällen die Manipulativsten das Referendum für sich entscheiden. Die Wisdom Councils haben kein langfristiges Programm. Mitglieder treffen sich, um über ein Thema zu beraten und werden anschließend entlassen. Wisdom Councils können helfen, die Volksabstimmungen ehrlich zu halten.